Symphony No. 2: Aussöhnung
von Tobias Niederschlag
Utopische Musik mit Engelsschwingen
Zur Europäischen Erstaufführung der 2. Symphonie von Tobias Picker
Tobias Picker: Symphonie Nr. 2: "Aussöhnung"
für Sopran (bzw. Mezzosopran) und Orchester
"To Sergiu Comissiona"
Vorspiel
I Die hehre Welt
II Wer beschwichtigt
III Beklommnes Herz
IV Schlägt und möchte schlagen
V Herz erleichtert...
VI O - dass es ewig bliebe
VII Aussöhnung
Nachspiel
Kennen Sie Picker?
"Tobias Picker ist einer der großen amerikanischen Komponisten und was er zu sagen hat, das ist wichtig für die Musikwelt!" äußerte sich der Dirigent Christoph Eschenbach über Tobias Picker, der in den USA als einer der erfolgreichsten Komponisten seiner Generation gilt: Pickers Werke stehen regelmäßig auf den Programmen der großen amerikanischen Symphonieorchester, seine Opern "Emmeline" und "Fantastic Mr. Fox" laufen erfolgreicher als manches Broadway-Musical. Zur Zeit schreibt der Komponist eine Oper für die New Yorker Metropolitan Opera, die in der Saison 2004/05 unter James Levine uraufgeführt werden soll. Kein Zweifel: Mit seinen 46 Jahren hat Tobias Picker, der im Internet mit einer eigenen Homepage vertreten ist (http://www.tobiaspicker.com), Einiges erreicht - und doch:
In Europa ist der Komponist bisher noch nahezu unbekannt! Der Name "Picker" war hier erst selten auf Opern- und Konzertprogrammen zu lesen. Erst allmählich beginnt man auch in den europäischen Musikzentren die Bedeutung des Komponisten zu erkennen: 1997 wurde er von der BBC mit einem Cellokonzert für die berühmten "Proms" beauftragt; 2002 ist die Europa-Premiere seiner Oper "Emmeline" an der Opéra de Nantes angesetzt und - last but not least - ist nicht zuletzt die heutige Europäische Erstaufführung der 2. Symphonie durch die Münchner Philharmoniker unter James Levine ein erster Schritt zur musikalischen Eroberung der "Alten Welt".
Biographisches
1954 in New York City geboren, wächst Tobias Picker in einer deutschsprachigen Umgebung auf: Seine Großeltern sind deutsche Juden, die aus Nazideutschland in die USA emigrierten. Mit 8 Jahren nimmt er erste Klavierstunden, beginnt zu improvisieren und zu komponieren. Später studiert er Komposition an der Manhattan School of Music und der Julliard School u.a. bei Charles Wuorinen, Elliott Carter und Milton Babbitt und wird mit 24 Jahren im "New Yorker" als "ein echter Schöpfer mit einer fruchtbaren, ungezwungenen Ader der Erfindung" gepriesen.
Als jüngster amerikanischer Komponist wird er 1985 "Composer in Residence" des Houston Symphony Orchestra, für das er bis 1990 zahlreiche Auftragswerke schreibt, darunter die Tondichtung "Old and Lost Rivers", die neben Aufführungen in Houston auch auf den Programmen der großen Orchester in Chicago, Cleveland und Philadelphia erscheint. Dirigenten wie Kurt Masur, Edo de Waart und Lorin Maazel geben daraufhin Orchesterwerke bei Picker in Auftrag. Besonders erfolgreich ist das 2. Klavierkonzert "Keys to the City", das der Komponist 1983 zum 100. Geburtstag der Brooklyn Bridge komponiert und in einer Radio-Live-Übertragung vor mehr als zwei Millionen Zuhörern als Pianist unter der Brücke selbst aus der Taufe hebt. Sein ebenfalls 1983 entstandenes Konzertstück für Schauspieler und Orchester "The Encantadas" wird - mit Aufführungen in bislang sieben verschiedenen Sprachen - zum internationalen Hit und markiert eine erste Hinwendung zur "dramatischen Musik".
Zum 40. Geburtstag der Santa Fe Opera komponiert Picker Mitte der neunziger Jahre seine erste Oper "Emmeline", eine moderne Ödipus-Oper, die in der Serie "Great Performances" amerikaweit im Fernsehen übertragen wird. Zwei Jahre später folgt als Auftragswerk des Los Angeles Music Center die Kinderoper "Fantastic Mr. Fox" nach der Erzählung von Roald Dahl, eine "fabelhafte" Zeichentrickoper "für Kinder von 5 bis 105". Momentan arbeitet der Komponist an zwei weiteren Werken für die Opernbühne: "Thérèse Raquin" nach Emile Zola entsteht im Auftrag der Dallas Opera; "An American Tragedy" basiert auf dem Roman von Theodore Dreiser und ist das erwähnte Auftragswerk der Metropolitan Opera New York.
"Aussöhnung" als Anregung
Als einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Oper betrachtet der Komponist heute rückblickend seine 2. Symphonie: "Ich hätte niemals 'Emmeline' schreiben können, wenn ich nicht vorher so viele musikalische Problemstellungen in meiner 2. Symphonie gelöst hätte." Für die Entstehung des Werks war die Begegnung mit der Sopranistin Judith Bettina von großer Bedeutung: Die Sängerin war von Goethes "Aussöhnung", dem Schlussgedicht der späten "Trilogie der Leidenschaft", tief beeindruckt, und sie bat Picker, es zu lesen: "Ich spürte sofort eine enge persönliche und emotionale Bindung zu dem Gedicht. Judith schlug mir vor, das Gedicht als Vorlage für ein Lied zu verwenden. 'Leg das Buch auf das Klavier, und wenn du in der richtigen Stimmung bist, dann schreib das Lied' sagte sie. Einige Wochen lag das Buch auf dem Klavier, und sie fragte immer wieder, ob ich das Gedicht bereits vertont hätte. Zeit verging. Eines Tages verlor sie die Geduld. Sie befahl mir, in mein Arbeitszimmer zu gehen und nicht eher zurückzukommen, bis ich das Lied geschrieben hätte. Eine Stunde später kam ich mit dem fertigen Lied zurück, und wir gingen es gemeinsam am Klavier durch." So entstand im Jahr 1984 "Aussöhnung", das erste Klavierlied Pickers überhaupt.
Ein Jahr später wurde Picker im Rahmen der "Residency" beim Houston Symphony Orchestra mit einem großen Orchesterwerk beauftragt. Er entschied sich für die Komposition einer Symphonie, und wieder war es Judith Bettina, die ihm entscheidende Anregungen gab: "1985 besuchte mich Judith in Houston, wo ich zu dieser Zeit 'Composer in Residence' des Houston Symphony Orchestra war. Ich erzählte ihr von dem Kompositionsauftrag und sie schlug vor, das Goethe-Gedicht mit in die Konzeption einzubeziehen. Ich war begeistert von ihrem Vorschlag und begann noch am selben Tag mit der Arbeit an der Symphonie." Das fertige Werk wurde am 25. Oktober 1986 durch das Houston Symphony Orchestra unter Sergiu Comissiona uraufgeführt; den Sopranpart sang Judith Bettina.
"tema con variazioni"
Da ihm das Klavierlied sehr viel bedeutete, konzipierte Picker die Symphonie als ein "Thema mit Variationen": das orchestrierte Lied dient als Hauptthema, die übrigen Sätze sind Variationen desselben. Allerdings stellt er das Liedthema nicht - wie in Variationsfolgen sonst üblich - zu Beginn des Werks vor: das Liedmaterial wird vielmehr in sechs rein instrumentalen Variationssätzen erst entwickelt, bevor es im siebten Satz in seiner Originalgestalt von der Singstimme vorgetragen wird. Der dramaturgische Aufbau des Werks verläuft analog zum Inhalt der literarischen Vorlage: Wie Leiden, Liebe und Musik in der Schlussapotheose des Gedichts zusammengeführt werden, so löst sich die in den Variationssätzen aufgebaute Spannung im "versöhnlichen" Vokalsatz der Symphonie auf. Eingerahmt wird das Ganze von einem orchestralen Vor- und Nachspiel.
Die ersten sechs Sätze basieren auf der Zwölftonmethode Arnold Schönbergs, die durch die Dur-Moll-Tonalität des siebten Satzes geradezu "in Harmonie gebracht wird". Tonalität und Dodekaphonie stehen dabei in produktiver Wechselbeziehung: Jeder Satz basiert auf Varianten einer Zwölftonreihe, die Picker aus dem Lied ableitete. Der Ton C, Grundton des Liedes, steht in allen Reihen an gleicher Stelle und bildet so etwas wie ein tonales Zentrum. Auch der Rhythmus des Liedes wird geschickt in die Variationen eingearbeitet: Er tritt in den Sätzen 1, 3 und 6 in seiner Originalgestalt auf, wird in den Sätzen 2 und 5 verziert und erscheint im 4. Satz in einer freieren, ekstatischeren Variante.
Absolute Programmmusik?
Bei der Komposition der Variationen ließ sich Picker durch konkrete Phrasen des Gedichts anregen. Er überschrieb die Sätze in seinem Manuskript mit diesen Titeln, war aber bislang immer gegen eine Veröffentlichung, da er befürchtete, das Publikum durch eine solche Vorgabe zu sehr zu beeinflussen. Erst im Zuge der Vorbereitungen für die Europäische Erstaufführung der Symphonie durch die Münchner Philharmoniker änderte der Komponist seine Einstellung und schlug vor, die Titel im Programmheft abzudrucken: "Früher war ich gegen die Veröffentlichung der Titel, weil ich annahm, die Symphonie würde dadurch zu programmatisch erscheinen. Heute halte ich es für eine gute Idee, den Musikern und dem Publikum eine Vorstellung davon zu geben, wie das Gedicht mit der Musik verbunden ist, wie ich es ursprünglich hörte. Dabei macht es mir nichts aus, wenn einige Leute das Stück für Programmmusik halten: Schließlich ist jede Art von Musik in gewisser Hinsicht Programmmusik, nur wissen wir meistens nicht, welches Programm dem Komponisten durch den Kopf ging, als er sie schrieb."
Vorspiel
Das Vorspiel beginnt mit schicksalhaft-lastenden Repetitionen des Tones C in Bässen und Pauke. Darüber erhebt sich ein expressives Cellosolo, dessen synkopierter Rhythmus sogleich von den Hörnern übernommen wird. Violinen, Holz- und Blechbläser setzen sukzessive ein, es kommt zu einer gewaltigen Steigerung, die in einem fortissimo-Ausbruch des Orchesters gipfelt. In plötzlichem pianissimo setzen die hohen Streicher ihre dissonanten Akkordketten fort, die Viola tritt mit einem hochvirtuosen Solo hervor, das direkt in den ersten Satz überleitet.
Die Variationssätze
Nach einigen Überleitungstakten scheint in "Die hehre Welt" eine unruhig crescendierende Achtelfigur in Violinen und gestopftem Horn, die einer Walzerbegleitung entnommen sein könnte, zunächst Vergangenes heraufbeschwören zu wollen. In der Mitte des Satzes erklingt ein elegisches Oboensolo, das den wiegenden Rhythmus des Klavierliedes bereits antizipiert. Nach mehrmaligen, dissonanten "Entladungen" des Orchesters wird der "hehre" Achtelabschnitt des Beginns orchestral gesteigert wiederaufgegriffen.
Wie ein plötzlicher Wirbelwind bricht scherzoartig "Wer beschwichtigt" los: Das Gegeneinander von 16teln und 16tel-Triolen, überraschende Taktwechsel und unregelmäßige Paukenschläge verleihen diesem Satz einen ruhelosen, nahezu wilden Charakter. In solistischen Passagen des Klaviers meldet sich der Pianist Picker zu Wort. Eine aufsteigende Triolenkette in Violinen und Marimbaphon mündet zuletzt in den Einsatz des Glockenspiels, mit dem die Musik nahezu verfliegt: Der Satz endet ebenso unfassbar wie er begann.
Nach der Hektik des zweiten Satzes wirkt "Beklommnes Herz" wie ein ersehnter Ruhepunkt. Besonders eindringlich sind die tritonusgeprägten Kantilenen der Solovioline und ersten Geigen, die auf dem Rhythmus des Klavierliedes basieren und "eine eigentümliche Traurigkeit" (Picker) verströmen. Am Schluß leitet eine gezupfte Bassfigur in einer Kadenz überraschend nach Cis. Der überwiegend lyrische Charakter des Satzes verweist bereits auf den siebten Satz.
Auskomponiertes Chaos
Zunächst bricht aber mit "Schlägt und möchte schlagen" ein aufgestauter Sturm von deklamatorischen Warnsignalen hervor: Der Satz beginnt mit einem Alarmtriller der Solotrompete, die sirenenartige Trillerbewegung wird von den anderen Instrumentengruppen übernommen; ständige Taktwechsel, krasse dynamische Kontraste, Trommelwirbel, Streicherglissandi und die Verwendung von Jazzelementen wie "swingenden" Rhythmen und wiederkehrenden "Riffs" stiften Verwirrung: ein auskomponiertes Chaos! Da hilft es auch nur wenig, dass der erste Abschnitt des Satzes identisch wiederholt wird!
Mit einem an Gershwins "Rhapsody in Blue" erinnernden Klarinettentriller schließt sich nahtlos der fünfte Satz an: "Herz erleichtert..." ist von einem tänzerischen Impuls durchdrungen; eingestreute Walzer- und Marschfragmente erinnern an Kompositionen Mahlers und Alban Bergs. Auf einen galanten 3/8tel-Abschnitt folgt nach abruptem Wechsel eine vorwärtsdrängende Repetitionspassage im Dreivierteltakt: über dauerhaft wiederholten Achtelakkorden erhebt sich in den ersten Violinen eine schicksalhafte Melodie, deren Rhythmus dem Klavierlied entnommen ist. Dieser Abschnitt wird nur durch ein kurzes Klarinettensolo unterbrochen, das den Partiturvermerk "lacht dazu" trägt, sich aber nicht recht durchsetzen kann: die repetierten Achtel kehren in gesteigerter Form wieder und lassen das Orchester bedrohlich anschwellen. Erst gegen Ende kehrt der spritzige Charakter des Beginns wieder, der den scherzoartigen Satz schließlich auf unbetonter Taktzeit offen enden lässt.
"O - dass es ewig bliebe" ist ausschließlich den Streichern vorbehalten: Weitausschwingende Linien in Solovioline und ersten Geigen verbreiten eine nahezu kontemplative Stimmung, darunter langgehaltene Orgelpunkte in den Bässen und chromatische Achtelbewegungen in den Mittelstimmen. Erst im Mittelteil wird diese Statik kurzzeitig unterbrochen: eine markante rhythmische Bassfigur lenkt im pizzicato vorübergehend die Aufmerksamkeit auf sich, bevor das enge Stimmengeflecht des Anfangs zurückkehrt und sich am Schluß in einen verklärenden G-Dur-Dreiklang auflöst, der Dominante zur Tonika C-Dur, auf der nun endlich der siebte Satz einsetzt.
"Aussöhnung" - das Thema
Quasi "spätromantisch" meldet sich in wiegendem Dreivierteltakt - zunächst nur "dolce" von den Streichern begleitet - erstmals die Singstimme zu Wort: Beginn der ersehnten "Aussöhnung". Nach einer nahezu identischen Wiederholung der ersten "Strophe" mit hinzugetretenen Holzbläsern geht die Musik - unter Streicherflageolett und geheimnisvollen Achtelfiguren in Harfe und Klavier - in einen umfangreichen Mittelteil über ("Da schwebt Musik"). Der Themenkopf des Liedes durchwandert diverse Tonarten, leuchtet durch eine äußerst differenzierte Orchestrierung in immer neuen Farben. Mit dem solistischen Einsatz des Konzertmeisters schließt sich ein pathetisches Orchesterzwischenspiel an, das die zuvor gehörten harmonischen Ausflüge noch einmal orchestral nachvollzieht. Die wieder einsetzende Gesangstimme leitet in eine schwärmerische Reprise des Liedbeginns über; das Lied (und die Symphonie) scheint nach einer letzten ekstatischen Kadenz in strahlendem C-Dur zu enden.
Plötzlicher Perspektivenwechsel - Nachspiel
Diese Harmonie wird allerdings nicht erreicht: Das Nachspiel beginnt zwar mit einem Orgelpunkt auf C in Pauken und Bässen, die melancholische Stimmung wird jedoch durch crescendierende Dissonanzen der Bläser und wilde Streicherläufe jäh unterbrochen. Als genialen Coup lässt Picker das Vorspiel in exakt umgekehrter Bewegungsrichtung erklingen: rückläufige Akkordketten der Violinen, die düstere Überleitung der Hörner, das synkopierte Cellosolo, der schicksalhaft repetierte Orgelpunkt in Bässen und Pauke... Dadurch entsteht eine mitreißende Sogwirkung, die den Hörer mit quasi zentrifugaler Kraft von der ersehnten Wärme der "Aussöhnung" wegzuschleudern scheint, zurück zum düster-realistischen Beginn der Symphonie: "Aussöhnung" als Utopie? Neben der wiederhergestellten formalen Balance hinterläßt der herbeigeführte Perspektivenwechsel einen tiefen Eindruck, der den Hörer noch lange nach Verklingen des Werks über dessen Bedeutung nachsinnen lässt.
Alterlyrik Goethes, unter dem Einfluss der Musik Schönbergs und Strauss' vertont, verbunden mit den rhythmischen und expressiven Kühnheiten eines modernen amerikanischen Komponisten: Die 2. Symphonie von Tobias Picker scheint wie geschaffen für eines der traditionsreichen deutschen Symphonieorchester und seinen amerikanischen Chefdirigenten.
Tobias Niederschlag wrote this program note for the European premiere of Symphony No. 2, performed by the Munich Philharmonic under James Levine. A student of musicology at Munich University, he is currently interning with the Chicago Symphony Orchestra.
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