Further Reading and Reference
Der Mozart von ManhattanArtikel durch Irene Dische, Park Avenue Magazine (Hamburg), 2005 ls im New Yorker kürzlich eine hymnische Vorankündigung seiner neuen Oper erschien, in dem er beiläufig als "Amerikas kassenträchtigster Komponist" bezeichnet wurde, stöberte Tobias Picker im Wald vor seinem Haus nach einer seiner Katzen. Miss Hedgehog, ein hübsches geflecktes Tier, war einige Jahre zuvor herrenlos vor seinem Haus aufgetaucht. Er hatte sie aufgenommen, Katzentüren in das Haus eingebaut, damit sie jederzeit kommen und gehen konnte, und einen unerschöpflichen Vorrat an Trockenfutter angelegt. Sein kleines Architektenhaus mit dem runden Wohnzimmer scheint inmitten des tiefen Waldes zu schweben. Plötzlich war die Katze verschwunden. Tobias befürchtete, ein Fuchs oder ein Waschbär habe sie aufgefressen. Er stellte Fallen auf und konnte nicht schlafen. Er war gereizt. Von der Lobeshymne im New Yorker hatte er gehört, aber sie tröstete ihn nicht. Dann erhielt er den Anruf einer Nachbarin. Die Katze hatte sich bei ihr einquartiert. Diese Nachbarin hat eine Villa mit weitläufigem, geschniegeltem Rasen, ein Treibhaus -und ihre Katzen bekommen Frischfleisch. Die Nachbarin wollte Miss Hedgehog nicht behalten, aber die Katze wollte nicht gehen. Die schlechte Laune des Komponisten verflog. Er fand die Sache interessant. Da war wieder, in winzigem Maßstab, eines seiner Lieblingsthemen -sozialer Ehrgeiz. Darum geht es auch in seiner neuen Oper. Am 2. Dezember wird Tobias Pickers "An American Tragedy" an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt die achte Auftragsarbeit dieses Hauses in 60 Jahren. Es gibt viel Buzz darüber, wie die Amerikaner sagen, und manche prophezeien, das Werk werde für New York im 21. Jahrhundert das sein, was "West Side Story" für das vergangene war -seriöse Musik, die ein breites Publikum anspricht. Ich kann das nicht beurteilen, ich bin bloß Teil des Publikums, und außerdem bin ich voreingenommen. Aber ich habe das Werk gehört und gelesen und bin von den Socken. Die Partitur ist für meine anspruchsvollen, verwöhnten Ohren schön. Alles klingt. Gene Sheers Libretto ist intelligent, vollkommen. Die Handlung beruht auf Theodore Dreisers sozialkritischem Roman über einen jungen Mann, der um die Jahrhundertwende hoch hinauswill, eine Chance bekommt, gesellschaftlich nach oben strebt, aufsteigt, einen schlimmen Fehler macht und wieder nach unten purzelt. Voreingenommen bin ich, weil Tobias der Grund ist, weshalb ich nach Rhinebeck gezogen bin, eine kleine Stadt nördlich von New York. Unsere deutschen Mütter waren eng befreundet, und meine Mutter nahm uns oft beiseite und sagte: "Ihr seid beide sehr sonderbar, also gebt auf euch acht." Wir haben gestritten und an ihre Worte gedacht und uns dann wieder versöhnt. Und so hatte ich das Abenteuer, ihn jahrelang an dieser seiner vierten Oper arbeiten zu sehen und zu hören. Da hatte ich schon Jahrzehnte einer Achterbahn-Freundschaft voll Entzücken und Schrecken mit einem so komplexen, aber auch so amüsanten Mann erlebt. Und er bemühte sich, meist mit Erfolg, mich zu ertragen. Wenn er nicht arbeitete, war er in Rhinebeck, was er "das Land" nennt, und ich "zu Hause". Da wir beide kein geregeltes Einkommen haben, vertrödelten wir die Tage miteinander, träumten von unverhofftem Immobiliengewinn, gingen bowlen, nörgelten herum, stritten über Politik, tauschten uns über unsere Arbeit aus. Die erste Szene der "American Tragedy" hörte ich eines Herbsttags auf dem Synthesizer in seinem Arbeitszimmer mitten im Wald, dessen Bäume sich vor den Fenstern drängten. Sie schienen konzentriert zu lauschen; in der Stille nach dem letzten Ton glaubte ich, ein Notenblatt fallen zu hören. Ich fand die Partitur verblüffend. Tobias ist ein berühmter Komponist, kann auf viele Erfolge verweisen, doch als ich seine neue Oper hörte, sah ich ihn auf einmal als historische Figur. Tobias, unlängst 50 geworden, gekrönt mit einem dichten schwarzen Lockenschopf, hat, obwohl er nicht besonders groß und ziemlich schlank ist, etwas Riesiges. Er hat ein zerklüftetes und sonderbares Gesicht, das keinem anderen gleicht. Das liegt nicht an dem Tourette-Syndrom, das seine Züge dauernd bewegt. Dieses Zucken bemerkt man eigentlich nicht, weil man das ganze übrige Gesicht betrachtet und dessen Rätsel ergründen will. Ich finde, Tobias sieht ein bisschen wie ein deutsch-jüdischer Abraham Lincoln aus, aber natürlich viel wilder. Es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, wie lieb er ist. Wenn er nach außen hin zwar sehr maskulin wirkt, stämmig und dunkel, so hat er ein weiches Herz. Niemand ist leichter zu verletzen. Zum Glück hat er Aryeh und John. Aryeh und Tobias leben seit über 25 Jahren zusammen. Aryeh Lev Stollman ist selbst ein Monstrum an Exzentrik und Begabung. Er wuchs in einer orthodoxen jüdischen Umgebung auf und wollte Rabbi werden. Andere Neigungen kamen seinem Traum in die Quere. Schon mit 18 war er ein so erfolgreicher Bildhauer, dass seine Arbeiten in mondänen New Yorker Galerien ausgestellt und verkauft wurden. Seine Eltern fanden das nicht unterstützenswert, und so besuchte er das Rabbinerseminar. Allerdings ist er schwul, und so attraktiv ihm ein Leben als Rabbiner auch erschien, vorstellen konnte er es sich nicht. Er verließ das Seminar und ergriff den zweitbesten Beruf, der einem jungen Juden offensteht -er wurde Arzt. Er war ein frommer, praktizierender Jude, als er Tobias kennenlernte. An ihrem ersten Abend, sie hatten sich zum Essen verabredet, wurde er im Krankenhaus aufgehalten. Als er schließlich eintraf, hatte Tobias schon für sie beide bestellt: Shrimps und Schweinefleisch. Aryeh löste sich von den Ritualen seines Glaubens. Er wurde ein hervorragender Neuroradiologe. Als Mittdreißiger begann er, Erzählungen und Romane zu schreiben, geistreiche, intelligente Texte, die überall auf der Welt veröffentlicht wurden. Er arbeitet nach wie vor in einem Hospital in Manhattan. Er und Tobias bauten in einem Waldstück bei Rhinebeck ein Haus und wohnen abwechselnd dort oder in ihrem Apartment in der Upper West Side. John Woodworth ist auch oft da. Er ist ein leidenschaftlicher Pädagoge, Lehrer an einer High-school in New Jersey und Tobias' Liebhaber. Aryehs Liebhaber Orlando Rodriguez hat sein Haus in der Nähe. Tobias' Lebensstil ist zwar unkonventionell, aber seine literarischen und musikalischen Interessen wurden von seinem Milieu geprägt, und dieses Milieu ist das New York seiner Eltern. Die Pickers hatten, wie die Familie in Dreisers Roman, einen wohlhabenden und einen bescheidenen Zweig. Ende der 1910er-Jahre baute der Großonkel, David Picker, zusammen mit seinem Geschäftspartner Marcus Lowe die ersten Lowe-Filmtheater, und auf diese Weise fasste der eine Teil der Familie in Hollywood Fuß und wurde reich. David Pickers Bruder Isaac, Tobias' Großvater, begründete die Erfrischungsstände in den Lowe-Kinos. Das Unternehmen hieß "People's Candy" und war ein Volltreffer. Tobias' Vater Julian Picker, der seinem Vater diese Idee vorgeschlagen hatte, war bald ebenfalls im Geschäft: Er war für die Bezahlung der Mitarbeiter zuständig. Er fuhr von Kino zu Kino, um das Personal zu entlohnen. Er war dafür nicht besonders geeignet, denn die Klagen über den geringen Lohn und die schlechten Arbeitsbedingungen machten ihm zu schaffen. Das führte dazu, dass er die Arbeiter im väterlichen Unternehmen dazu brachte, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Bald hatte er seinen Zweig der Familie in eine noch abgelegenere Richtung dirigiert; sein Vater enterbte ihn. Er wurde Nachrichtenschreiber beim Radio und heiratete eine politisch gleichgesinnte Frau, Henriette Simon, die aus einer Berliner Familie musisch begabter Zahnärzte stammte - neben ihrem Vater waren drei Geschwister Zahnärzte. Ihr Vater, Wilhelm Simon, war für kurze Zeit nach Amerika gekommen, 1929 aber rasch wieder nach Deutschland zurückgekehrt, weil er New York satt hatte, wo er seine ärztliche Zulassung nicht ohne demütigende Kämpfe bekommen würde. Er war ein deutscher Patriot und bekennender Wagnerianer. Nach Hitlers Machtergreifung dauerte es mehrere Jahre, bis er sich abermals nach Amerika einschiffte, denn die Amerikaner wollten die Familie nicht unbedingt wieder im Land haben. Schließlich hatte sich der ganze Dentistenclan in einer Praxis in New York etabliert. Henriette, die sich immer als Deutsche betrachtet, wurde Künstlerin, Malerin und Schuhdesignerin. Das Paar hatte drei Kinder - Tobias, das letzte, kam 1954 zur Welt. Tobias wuchs in einem Außenbezirk von New York heran, in komfortablen Verhältnissen, in einer Familie, deren ureigene Legende von verpassten Chancen handelte. Im Regal ihres Wohnzimmers stand eine signierte Erstausgabe von "An American Tragedy". Er ließ schon früh ein Talent als Pianist und Komponist erkennen, worüber sein Vater nicht begeistert war, denn sein Sohn sollte einen anständigen Beruf lernen. In der Familie wurde darüber gestritten, ob der Junge ein gutes Klavier bekommen sollte, das er am Ende auch bekam. Hartnäckig hielt er an seinen Plänen fest, besuchte, nach einem äußerst vielversprechenden Anfang als Teenager mit Stipendien und Preisen, schließlich die Juilliard School und die Princeton University. Dort machte er bald einen großen Bogen um die atonale Musik und wurde, wie er selbst sagt, ein "verunglückter Serieller". Ihm gefielen schöne, grandiose Klänge, komplizierte Rhythmen, harmonische Spannung und jede Menge Emotionen. Er verließ Princeton ohne Promotion. Er tat weiterhin, was ihm Spaß machte, doch bald nahm die öffentlichkeit Notiz von ihm. Er war gerade einmal 24, als der New Yorker ihn als "wahren Schöpfer mit einer fruchtbaren, selbstverständlichen Phantasie" bezeichnete. Sein Klavierkonzert "Keys to the City" wurde von der Stadt New York zum 100. Geburtstag der Brooklyn Bridge in Auftrag gegeben, und "The Encantadas", ein Konzert für Sprecherstimme und Orchester, wurde mit Sir John Gielgud unter Christoph Eschenbach eingespielt. Seine erste Oper "Emmeline", deren Handlung seinem politisch engagierten Vater gefallen hätte - Fabrikarbeiterin wird von ihrem Boss vergewaltigt -, hatte ungeheuren Erfolg in Santa Fé und später auch an der New Yorker City Opera. Tobias schrieb in rascher Folge zwei weitere Opern, "Fantastic Mr. Fox" und "Therese Raquin", und dann gab die Metropolitan Opera "An American Tragedy" in Auftrag. Neben dem Medienhype und dem ganzen Trubel wird es natürlich auch Ab lehnung geben, weil das Stück Stadt gespräch sein wird, und weil es lyrisch und grandios ist, ein richtig altmodisches Drama, das die Zuhörer packt und mitreißt. Vor Kritik braucht der Komponist keine Angst zu haben, daran ist er gewöhnt. Komponisten haben schon Vitriol ertragen müssen, mehr als andere Künstler. Die Menschen reagieren heftiger auf Musik. Sobald die Proben beginnen, wird Tobias einige Wochen in New York bleiben. Er denkt schon an die nächste Oper, und Miss Hedgehog wird ihm Sorge bereiten, die, verlassen, ihren sozialen Aufstieg in Angriff nimmt. Wenn sich die Aufregung um seine Oper gelegt hat, freue ich mich darauf, meinen Freund wieder auf dem Land zu sehen, zu Hause.
Irene Dische Home | Works | Recordings | News & Performances | Contact | Photo Gallery |









